Zwergamazone (Hapalopsittica amazonina)

hapalopsittaca velezi Kopie

Zum gegenwärtigen Bestand der Zwergamazone (Hapalopsittaca amazonina) in Venezuela

von F. Rojas-Suarez und Anne-Marie Herrera
(übersetzt von E. Spägele und J.-O. Heckel)

Die Zwergamazone zählt zu den seltensten und am wenigsten bekannten Arten neotropischer Papageien. Sie ist 23 cm groß, hat ein farbenprächtiges Gefieder und kommt nur in geographisch abgelegenen Bergregionen vor. Von allen in Südamerika beheimateten Papageienarten bevorzugen sie die höchstgelegensten Lebensräume. Man findet sie meist in Berg- und Nebelwäldern in einer Höhe von 2.300 bis 2.600 Metern sowie gelegentlich auch in sogenannten "Paramos", einem andinen, hochalpinen Lebensraum.
Obwohl man lange Zeit annahm, daß von der Gattung Hapalopsittaca nur zwei Arten, H. amazonina und der Braunohrpapagei (H. melanotis), existieren, so lassen die letzten taxonomischen Untersuchungen darauf schließen, daß es nicht weniger als vier Arten gibt, nämlich die Zwergamazone, den Braunohrpapagei, die Salvins-Zwergamazone (H. pyrrhops) und die Chapmans-Zwergamazone (H. fuertesi). Alle kommen in fragmentierten Lebensräumen entlang des Andenkamms von Venezuela bis Nord-Peru vor.

  • Hapalopsittaca melanotis, die südlichste Art, umfaßt zwei Unterarten, H. m. melanotis mit einem Verbreitungsgebiet in Bolivien sowie H. m. peruviana aus Peru mit insgesamt vermutlich mehr als 10.000 Individuen.
  • Hapalopsittaca pyrrhops kommt vom Südosten Ecuadors bis in den Nordosten Perus vor. Die Population ist klein und gilt als gefährdet.
  • Hapalopsittaca fuertesi aus Kolumbien ist die seltenste Art der Gattung und steht am Rande der Ausrottung.

Die Zwergamazone ist die Art mit dem nördlichsten und größten Verbreitungsgebiet. Die erste der drei Unterarten, H. a. amazonina, kommt in Kolumbien im Gebiet von Nord- Cundinamancra bis nach Nord-Santander und im Südwesten Venezuelas im Tama National Park vor. Die Unterart, H. a. theresae, ist in Venezuela beheimatet und auf das Gebiet der Sierra de Merida, Nord-Tachira und Süd-Merida begrenzt. H. a. velezi teilt sich in Kolumbien mit H. fuertesi den Lebensraum.

Es gibt bisher nur wenig Erhebungen über die Populationen der genannten Arten. Um die Informationslücken zu schließen, haben Provita (Venezuela), der FONDS FÜR BEDROHTE PAPAGEIEN der ZGAP und die Loro Parque Fundacion in den Jahren 1995 und 1996 ein Projekt mit dem Ziel gestartet, aktuelle Daten über H. amazonina zu beschaffen und damit eine Basis für ihre Erhaltung zu legen.

ZieleS

  • Sammeln jeglicher Information über H. amazonina in Venezuela
  • Untersuchung der Verbreitungsgebiete
  • Veröffentlichung eines aktuellen Bestandsberichts
  • Entwurf von Leitlinien zum Erhalt der Art
  • Vorbereitungen zur Durchführung einer entsprechenden Studie über die Herkunft von Hapalopsittaca in Venezuela, Kolumbien, Ecuador und Peru

Methoden
Sammeln von Grunddaten

Bekannte Papageienexperten aus Venezuela und den anderen Ländern, in denen der Papagei beheimatet ist, wurden konsultiert.
Museen in Venezuela, die Präparate von H. amazonina besitzen, wurden besucht und weitere Information gesammelt.
Die Information über bekannte Verbreitungsgebiete von H. amazonina wurden mit Vegetationskarten verglichen, woraus sich eine Aussage über den "optimalen Lebensraum" für diese Papageienart ergab. So konnten die möglicherweise noch vorhandenen Verbreitungsgebiete der Spezies in Venezuela genauer abgeschätzt werden.

Felduntersuchungen in Venezuela
Die vorangegangene Analyse ergab für die Untersuchungen drei Schwerpunktsgebiete:

Das Andengebiet um Merida und Tachira (für Hapalopsittaca aamazonina theresae)
Die Sierra de Perija, Zulia State (für verschiedene Hapalopsittaca amazonina ssp.): Berichten der Espeleological Society zufolge soll in diesem Gebiet eine nichtklassifizierten Papageien-Art vorkommen, die H. amazonina sehr ähnlich sieht.

Der El Tama National Park, als das einzige Gebiet in Venezuela mit einem Vorkommen von H. a. amazonina.Insgesamt wurden vier Feldbegehungen durchgeführt.

Sammeln von Felddaten
In allen besuchten Gebieten wurden Siedler über das Vorkommen, die Freßgewohnheiten, die Brutplätze, über gefangengehaltene Tiere und den Einfluß des Menschen auf wilde Populationen von Psittaciden befragt. Zu unterschiedlichen Tageszeiten wurden direkte Beobachtungen an H. amazonina und anderen Arten durchgeführt und Informationen zu den Lebensräumen und dem Speiseplan der Tiere sowie über Eingriffe durch den Menschen notiert.

Ergebnisse und Diskussion
Vorkommen von Hapalopsittaca amazonina in Venezuela
Das Auffinden der Zwergamazonen gestaltete sich allgemein sehr schwierig. Für H. a theresae ergab sich aus Museums- und Literaturdaten eine Verbreitung im Gebirgsgebiet zwischen Merida und Tachira. Befragte Wissenschaftler lieferten zuverlässige Berichte über mehrere gesichtete Exemplare innerhalb der Jahre 1989-1995 in folgenden Regionen:

  1. La Mucuy (Sierra Nevada National Park)
  2. Monte Zerpa, und
  3. Saisay, Paramos Batallon y La Negra National Park

Zusätzliche Beobachtungen weisen auf das Vorkommen des Papageien in den Wäldern von San Eusebio und San Benito, in den Tälern von El Tambor (Sierra de La Culata National Park) hin. Von Einheimischen wurde der Papagei in Paramo del Oro, Valle de Los Parra, Paramo de Nicolas und Paramo El Tisure (3.900 m), Mesa de Ejido und Tucani beobachtet. Als bevorzugtes Biotop konnten Nebelwälder identifiziert werden. Offenbar bilden tiefergelegene Gebiete des Flusses Chama ebenso wie der "Paramos" am südlichen Ende des Sierra Nevada National Parks eine "ökologische Barriere" für H. amazonina wodurch die genannten Gebiete voneinander getrennt werden. Möglicherweise ist der Papagei aber noch in weiteren größeren Waldgebieten anzutreffen. Sollte es sich jedoch lediglich um drei getrennt lebende Populationen handeln, dann dürfte die Subspezies gefährdeter sein als bisher angenommen. H. a. amazonina kommt in Venezuela lediglich noch in El Tama und Cerro El Cobre in einer Höhe von 2.500 bis 3.000 Metern im El Tama National Park, Tachira, vor. Diese Population wird durch einen Gebirgszug von H. a. theresae getrennt.

Biologie und Ökologie von Hapalopsittaca amazonina
Informationen über die Biologie der Zwergamazone waren nur schwer zu erhalten, da bei Befragungen Einheimischer häufig Verwechslungen mit anderen Arten vorkamen und die Haltung der Zwergamazone kaum je gelingt.
Im Gebiet von Merida kommt H. amazonina mit weiteren Psittacidenarten zusammen vor. So scheinen sich auch die Soldatenamazone (Amazona mercenaria), der Greisenkopfpapagei (Pionus seniloides), und der Rotkopfsittich (Pyrrhura rhodocephala)in diesem Gebiet aufzuhalten. Nach Angaben in der Literatur und Beobachtungen befragter Experten lebt H. amazonina primär im andinen Nebelwald und in offenen Waldgebieten in der Nähe des "Paramos" in einer Höhe zwischen 2.300 und 3.000 m. Gelegentlich findet man sie auch in angrenzenden subtropischen Bergwäldern in 2.000 m Höhe. Die kolumbianische Subspezies H. a. velezi kommt laut Berichten in tiefergelegenen Gebieten zwischen 2.250 und 2.650 m in natürlichen Wäldern und in Alnus acuminate-Plantagen (Erlen) vor.

Beobachtungen ergaben, daß Zwergamazonen in großer Höhe in Paaren oder kleinen Gruppen von vier bis acht Individuen fliegen. Obwohl die Untersuchungen keine Aufschlüsse über einen jahreszeitlichen Einfluß auf die Lebensgewohnheiten zulassen, ist es möglich, daß H. amazonina entsprechend dem Futterangebot Wanderbewegungen durchführt. Dies würde die Berichte erklären, nach denen sich die Spezies nur zu bestimmten Zeiten im Jahr im "Paramos" aufhält.

Auch im Hinblick auf die Vermehrung von H. amazonina waren Informationen schwer zu erhalten. Nach Berichten pflanzt sich H. a. velezi im Juni fort.

Zum derzeitigen Bestand von Hapalopsittaca amazonina in Venezuela
Beide Unterarten aus Venezuela werden von früheren Autoren bereits als "gefährdet" bzw. als "äußerst selten und bedroht" eingestuft. Nach IUCN -Angaben wird eine weltweite Population unter 2.500 erwachsenen Individuen vermutet. Schätzungen aus dem Jahr 1992 gehen gar nur von einer Gesamtpopulation von weniger als 1000 Exemplaren aus. Die Hauptgefährdung für die Art stellt die allgemeine Zerstörung des Lebensraumes vor allem die Umwandlung in Rinderweiden dar. Die Ergebnisse der jüngsten Untersuchungen stützen diese Feststellung. Der Tierhandel und die nicht kommerzielle Haustierhaltung scheinen keine große Gefahr für den Bestand von H. amazonina in Venezuela darzustellen. In Venezuela ist der Grad der Eingriffe in die Lebensräume unterschiedlich. In den Anden gibt es unveränderten Wald nur noch in geschützten Gebieten. Als Schlußfolgerung ergibt sich, daß die geschützten Gebiete in den Anden für den Erhalt von H. amazonina in Venezuela lebensnotwendig sind.