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Santa-Marta-Rotschwanzsittich (Pyrrhura viridicata)

Aktuelle Situation des Santa-Marta-Rotschwanzsittichs in Kolumbien

von Dr. Ralf Strewe

Kolumbien besitzt mit mehr als 1.830 Vogelspezies die artenreichste Avifauna weltweit, 54 davon sind Papageien. Nur Brasilien und Australien weisen mehr Papageienarten auf. Vier Papageienspezies kommen ausschließlich in Kolumbien vor, darunter die auffälligste endemische Vogelart der Sierra Nevada de Santa Marta, der Santa-Marta-Rotschwanzsittich (Pyrrhura viridicata).

Die Sierra Nevada de Santa Marta im Nordwesten Kolumbiens ist das höchste Küstengebirge der Welt, der Pico Bolivar hat eine Höhe von 5.775 m. Vorherrschend aus Nordosten trifft feuchte Meeresluft auf das Sierra-Nevada-Massiv, an dem sich die Wolken abregnen. Jährlich gibt es zwei Regenzeiten, eine kleinere im Mai und Juni und eine deutlich niederschlagsreichere von September bis November. Dieser folgt die große Trockenzeit von Dezember bis April.

Auf einer Fläche von 11.000 km2 finden sich entlang dem Höhengradienten – von Meereshöhe bis ins Hochgebirge – Mangroven, Trockenwälder, feuchte Tieflandregenwälder, Nebelbergwälder und Páramo. Aufgrund dieser Vielzahl von Lebensräumen gehört das isolierte Gebirgsmassiv mit 635 nachgewiesenen Vogelspezies zu den artenreichsten Gebieten Südamerikas (Strewe et al. 2004). Das tetraederförmige Gebirgsmassiv ist mit 18 endemischen Vogelarten und 55 endemischen Unterarten das bedeutendste kontinentale Endemitenzentrum Lateinamerikas (Stattersfield et al. 1998).

Mehr als 80 Jahre nach den Studien der beiden amerikanischen Wissenschaftler W. E. Todd & M. A. Carriker (1922) wurden von 2001 bis 2003 erstmals ornithologische Untersuchungen über einen längeren Zeitraum und in verschiedenen Höhenstufen der Sierra Nevada de Santa Marta durchgeführt. Es wurden dringend benötigte Informationen zu Verbreitungsstrukturen, Bestandssituationen, Habitatpräferenzen und Habitatschutz von residenten Vogelarten und Zugvogelarten gesammelt .

Die gewonnenen Ergebnisse bestätigen nachdrücklich die Bedeutung der Region für den Schutz der einzigartigen Flora und Fauna. Eine Schlüsselart und sicherlich die auffälligste Vogelart der Sierra ist der Santa-Marta-Rotschwanzsittich.

Ökologie und Verbreitung

Pyrrhura viridicata wurde in feuchten, unberührten oder wenig gestörten Bergwäldern in Höhenstufen zwischen 2.000 und 3.200 m ü. NN nachgewiesen. Zugbewegungen innerhalb des Verbreitungsgebietes werden angenommen, es fehlen jedoch Belege.

Die Sittiche wurden überwiegend paarweise oder in kleinen Gruppen von sechs bis zehn Individuen angetroffen, der größte Trupp umfasste 25 Tiere. Zu ihrer Nahrungsökologie gibt es kaum Informationen, neuere Beobachtungen liefern jedoch erste Anhaltspunkte. Die Art ernährt sich von Früchten von Epiphyten, Blüten und Samen von Cordiaceae (Ordnung Boraginales, Borretschgewächse) sowie sechs weiteren Baumarten. Zunehmend werden die Vögel in Brombeerpflanzungen angetroffen.

Zur Brutbiologie gibt es nur vereinzelte Hinweise aus der Literatur und Informationen von Einheimischen, so beispielsweise die Beobachtung eines Brutpaares am Eingang einer Nisthöhle in 6 m Höhe im Juni von Hilty & Brown (1986). Einheimische bestätigen Brutaktivitäten im März und April mit Nestfunden in abgestorbenen Palmenstämmen.

Der Santa-Marta-Rotschwanzsittich ist von zwei historischen und zwei aktuellen Fundorten bekannt (s. Abb. S. 96). Todd & Carriker (1922) sammelten Individuen an drei Standorten auf der Nordflanke der Sierra, im Bereich des Höhenrückens San Lorenzo und Cerro Quemado (Department Magdalena) sowie in Takina am Oberlauf des Río Ancho (Department Guajira), am Fuße des Páramo de Mamarongo gelegen. Nachweise aus den letzten 35 Jahren liegen ausschließlich vom Höhenrücken San Lorenzo/Cerro Quemado vor, welcher über eine gut zu befahrende unbefestigte Straße in zwei Stunden von Santa Marta aus zu erreichen ist. Verschiedene Beobachter trafen die Art in diesem Gebiet an.

Eine zusätzliche Population wurde im April 2001 vom Autor auf der Westflanke am Oberlauf des Río Frío entdeckt (Strewe & Navarro 2004; Abb. S. 96). Im Rahmen einer Exkursion bis in den Páramo wurde Pyrrhura viridicata in Höhen zwischen 2.400 und 3.200 m ü. NN mehrmals paarweise oder in kleinen Familienverbänden beobachtet.

Von den historischen Fundorten im Department Guajira liegen keine aktuellen Informationen vor. Weite Bereiche der West- und Ostflanke sind völlig unbearbeitet, weshalb Daten zum Vorkommen der Rotschwanzsittiche fehlen.

Schutzstatus und Gefährdungsursachen

Die Sierra Nevada wurde als Biosphärenreservat und Nationalpark „Sierra Nevada de Santa Marta“ ausgewiesen. Doch trotz dieses Schutzstatus hält die Zerstörung der Wälder an, und es sind mittlerweile nur noch weniger als 15 % der ursprünglichen Waldfläche übrig (Fundación Pro-Sierra 2000). Besonders die Bergregenwälder sind teilweise gerodet und fragmentiert, weshalb effektive Schutzmaßnahmen dringend notwendig sind.

Das Verbreitungsgebiet der Santa-Marta-Rotschwanzsittiche ist natürlicherweise auf eine schmale Höhenstufe an steilen Abhängen der Sierra Nevada de Santa Marta begrenzt. Aufgrund der Zerstörung der Waldökosysteme des Gebirges ist die Fläche der verfügbaren Habitate stark reduziert.

Momentan sind die Vögel nur von den Standorten San Lorenzo und Río Frío bekannt. Im Bereich des Höhenrückens San Lorenzo wurde die Art regelmäßig seit 1969 nachgewiesen und als relativ häufig eingeschätzt. Nach neuesten Untersuchungen handelt es sich um eine Population von nicht mehr als 120 Individuen. Der isolierte Höhenrücken (Gesamtfläche 4.200 ha) ist oberhalb von 2.000 m zu 80 % von Bergwald bedeckt.

Die Interpretation von Satellitenbildern der Sierra Nevada de Santa Marta zeigt eine Waldbedeckung oberhalb von 2.000 m von 116.600 ha (67 % der Gesamtfläche). Ausgehend von den Populationsschätzungen vom San-Lorenzo-Höhenrücken (3.200 ha Waldbedeckung) könnte die Gesamtpopulation von Pyrrhura viridicata bei nicht mehr als 4.000 bis 4.500 Individuen liegen.

Das Verbreitungsgebiet der Sittiche liegt zu etwa 95 % innerhalb des Nationalparks Sierra Nevada de Santa Marta, doch wie schon erwähnt, existiert der Nationalpark weitestgehend nur auf dem Papier. Nur im Bereich des Höhenrückens San Lorenzo zeigt die Nationalparkbehörde Präsenz, besitzt eine Station und setzt Naturschutzmaßnahmen um. Allerdings ist die Nationalparkverwaltung völlig unterbesetzt, verfügt nur über ein Fahrzeug und hat somit keine Möglichkeit, den Nationalpark (3.830 km2) ausreichend zu kontrollieren.

Eine weiteres Problem für den Naturschutz ergibt sich daraus, dass 90 % des Nationalparks mit den Indianerreservaten Resguardio Indigena Mayo-Kogui auf der Nordflanke und Resguardio Arhuaco auf der Südflanke überlappen. Die indianische Bevölkerung hat freie Verwaltungsbefugnisse innerhalb ihrer Reservate und somit auch in weiten Bereichen des Nationalparks. Es gibt daher keine Kontrollinstanz, welche die Bewirtschaftungsform oder Jagdaktivitäten überwacht. Bis auf San Lorenzo /Cerro Quemado befinden sich sämtliche Fundorte von Pyrrhura viridicata innerhalb der Indianerreservate. Die Verantwortung für das Überleben der Papageienart und zahlreicher weiterer endemischer Spezies liegt deshalb prinzipiell bei der indianischen Bevölkerung.

Entgegen den Einschätzungen von Rodriguez (2002) gibt es Hinweise, dass der Santa-Marta-Rotschwanzsittich gebietsweise einem Jagddruck unterliegt. Im Tal des Río Frío wurden auf verschiedenen Ranchos (Höfe von Kleinbauern) Federn von Pyrrhura viridicata gefunden, die Vögel bereichern den Speiseplan der Einheimischen. Drei Fälle sind aus dem Bezirk San Pedro (Río-Frío-Tal) bestätigt, wo Individuen in Brombeerpflanzungen geschossen wurden. Auf den lokalen Märkten der Region mit regem Ziervogelhandel wurden die Sittiche bisher nicht angetroffen.

Pyrrhura viridicata ist global und national als „gefährdet“ eingestuft (BirdLife 2000, Renjifo et al. 2002). Das extrem begrenzte Verbreitungsgebiet, Habitatpräferenzen und der hohe Druck auf die verbliebenen ursprünglichen Ökosysteme in der Region machen die Art überaus anfällig und rechtfertigen den Gefährdungsstatus. Für den langfristigen Schutz wird ausschlaggebend sein, speziell die indianische Bevölkerung über den Gefährdungsgrad der endemischen Spezies zu informieren und die Dringlichkeit von Naturschutzkonzepten zu vermitteln.

Das Artenschutzprojekt Pyrrhura viridicata der Stiftung Alianza para Ecosistemas Críticos, gefördert durch den Fonds für bedrohte Papageien, sucht erstmals die enge Kooperation mit der indianischen Bevölkerung der Sierra Nevada bei einem Naturschutzprojekt in der Region. Mit Hilfe der Schlüsselart Pyrrhura viridicata wird versucht, Aufklärungsarbeit über die Einzigartigkeit der Flora und Fauna des Gebirgsmassivs zu leisten und gleichzeitig die Verantwortung der indianischen Bevölkerung für den Schutz und das Überleben der Spezies zu verdeutlichen. Das Artenschutzprojekt schließt ein, dass alle Beteiligten als gleichwertige Partner bei der Beobachtung des Santa-Marta-Rotschwanzsittichs in den Indianerreservaten und bei der Ermittlung von Verbreitungsstrukturen, der Identifizierung von Brutgebieten und Wanderkorridoren sowie der Analyse der Bestandssituation und der Gefährdungsursachen mitarbeiten.

Literatur

BirdLife International (2000): Threatened birds of the world. Cambridge, UK, & Barcelona.
Fundación Pro-Sierra Nevada de Santa Marta (2000): Evaluación ecológica rápida: definición de áreas críticas para la conservación en la Sierra Nevada de Santa Marta – Colombia. Santa Marta: Fundación Pro-Sierra Nevada de Santa Marta, Ministerio del Medio Ambiente – UAESPNN & Nature Conservancy.
Hilty, S. L., & W. L. Brown (1986): A guide to the birds of Colombia. Princeton, NJ.
Renjifo, L. M., A. M. Franco-Maya, J. D. Amaya-Espinel, G. H. Kattan & B. López-Lanús (eds.) (2002): Libro rojo de aves de Colombia. Bogotá: Instituto de Investigación de Recursos Biológicos Alexander von Humboldt & Ministerio del Medio Ambiente.
Rodríguez-Mahecha, J. V., & J. I. Hernández-Camacho (2002): Loros de Colombia. Bogotá: Conservation International.
Stattersfield, A. J., M. J. Crosby, A. J. Long & D. C. Wege (1998): Endemic Bird Areas of the world: priorities for biodiversity conservation. Cambridge, UK: BirdLife International (Conservation Series 7).
Strewe, R., & C. Navarro (2004): The threatened birds of the Río Frío Valley, Sierra Nevada de Santa Marta, Colombia. Cotinga 22: 47-55.
Strewe, R., G. Lobaton & S. Sanchez (2004): Atlas de la Avifauna de la eco-región Sierra Nevada de Santa Marta, Colombia. Internet: www.alpec.org.
Todd, W. E., & M. A. Carriker (1922): The birds of the Santa Marta region of Colombia: a study in altitudinal distribution. Ann. Carnegie Mus. 14.