Gelbohrsittich

Ognorhynchus1Ognorhynchus2

Das Gelbohrsittich-Projekt in Ecuador 

von Niels Krabbe, Quito/Ecuador (übersetzt von Marcellus Bürkle)

Lange Zeit war der Status des Gelbohrsittichs (Ognorhynchus icterotis) aufgrund fehlender Sichtmeldungen unbekannt. Da auch in Menschenobhut keine Exemplare bekannt waren, wurde befürchtet, daß diese Papageienart bereits ausgerottet war. Im Jahre 1995 gelang es dem Biologen Niels Krabbe jedoch, eine kleine Population dieser seltenen Sittiche in einem abgelegenen Berggebiet Ecuadors ausfindig zu machen. Der Fonds für bedrohte Papageien finanziert seit dieser Zeit ein Schutzprojekt unter der Leitung von Niels Krabbe in Ecuador, welchem sich 1996 auch die "Loro Parque Fundacion" sowie die Zeitschrift "Papageien" anschlossen. Diese Kooperation ist aufgrund der guten Zusammenarbeit der drei Projektpartner und auch im Hinblick auf die hohen Projektkosten sehr zu begrüßen. 1997 wurden von den drei Projektpartnern insgesamt US$ 37.800.- zur Verfügung gestellt.

Einführung

Ursprünglich in Zentral- und West- Kolumbien sowie im Westen Ecuadors weit verbreitet, ist der Gelbohrsittich heute nur noch in zwei kleinen Populationen bekannt, je eine in Kolumbien und in Ecuador. Nach derzeitigem Wissen beträgt der Weltbestand des Gelbohrsittichs weniger als 45 Tiere. Damit ist dieser, neben dem Spixara (Cyanopsitta spixi) und dem Cebu-Fledermauspapagei (Loriculus philippensis chrysonotus), eine der bedrohtesten Papageienformen der Erde. Die kolumbianische Population bewohnt ein Gebiet, welches bis vor kurzem von Guerillagruppen kontrolliert wurde und somit für Erhaltungsmaßnahmen nicht zugänglich war. Die ecuadorianische Population besiedelt ein stark von der Abholzung betroffenes Areal. Erste Anstrengungen, diese Art zu erhalten, wurden 1995 begonnen, als erstmals ein wahrscheinliches Brutgebiet der Vögel ausfindig gemacht werden konnte. Möglich wurde dieses Projekt durch die finanzielle Unterstützung unseres FONDS FÜR BEDROHTE PAPAGEIEN, der "Loro Parque Fundacion", sowie der Zeitschrift "Papageien".

Letztere ermöglichte den Kauf des oben erwähnten Brutgebietes. Die beiden anderen Organisationen stellten die Mittel für Feldbeobachtungen, Aufklärungsmaßnahmen, Wiederaufforstung sowie die Suche nach weiteren Aufenthaltsorten des Gelbohrsittichs zur Verfügung. Das Auffinden aller von den Vögeln genutzten Gebieten in Ecuador sowie deren bedingungsloser Schutz ist von entscheidender Wichtigkeit für die Erhaltung dieser Art. Weitere Maßnahmen sind: Wiederansiedlung bevorzugter Futterpflanzen auf gerodeten Flächen, Studium der Lebensgewohnheiten der Vögel sowie Aufklärung der Bevölkerung mit dem Zweck, die Bejagung der Gelbohrsittich zu verhindern, da diese einen Hauptgrund für den Rückgang der Art darstellt.

Durchgeführte Maßnahmen

Während des Berichtszeitraumes wurde das Areal, in dem sich die Vögel bevorzugt aufhalten, käuflich erworben. Das kleine Haus auf diesem Landstück wurde bewohnbar gemacht und parallel dazu eine kleine Baumschule aufgebaut. Dort werden die bevorzugten Futterpflanzen des Gelbohrsittichs herangezüchtet, bevor sie dann auf dem Landstück ausgepflanzt werden. Mit dem Besitzer des Nachbargrundstücks wurde ein Vertrag geschlossen, welcher ihn dazu verpflichtet, sich um das Land zu kümmern und jede Sichtung der Gelbohrsittiche zu melden. Außerdem wurden drei weitere Gebiete, in denen der Gelbohrsittich gesichtet wurde, untersucht. Auch hier wurden Vorbereitungen getroffen, um diese Anfang 1998 zu erwerben. Verschiedene Expeditionen mit dem Ziel, weitere Aufenthalts- gebiete der Vögel ausfindig zu machen, wurden durchgeführt, und dabei wurde gleichzeitig die ansässige Bevölkerung über die Bedrohung des Gelbohrsittichs aufgeklärt. Dorfbewohner berichteten in einem Fall glaubwürdig, daß in einem von uns gefundenen Brutbaum über mehrere Jahre hinweg Gelbohrsittiche brüteten. Sollte dies auch 1998 der Fall sein, wäre es sinnvoll, auch diese Flächen anzukaufen. Die Suche nach den Vögeln wurde während der letzten Monate des Jahres durch übermäßig starke Regenfälle, verursacht durch "El Nino", stark behindert. Und auch in den ersten Monaten 1998 muß mit Unwegsamkeiten gerechnet werden. Sobald es die Wetterlage jedoch zuläßt, wird die systematische Suche nach den Vögeln fortgesetzt.

Daß die örtliche Bevölkerung den Schutz des Gelbohrsittichs durchaus ernstnimmt, zeigt folgendes Ereignis: Ein Tierfänger namens Velo Castro, der in der Vergangenheit unter dem Decknamen Jesus Aro auch Gelbohrsittiche gefangen hatte, wurde von ansässigen Bewohnern eines kleinen Tales eigenhändig wieder vertrieben, als er versuchte, Vögel zu fangen. Außerdem wurde unserem Mitarbeiter Francisco Sornoza vom Ministerium für Landwirtschaft offiziell der Titel eines "Inspektors" verliehen. Dies gibt ihm die Möglichkeit, illegale Tierfänger in Arrest zu nehmen. Auch wenn weder Niels Krabbe noch Francisco Sornoza in diesem Jahr selbst Gelbohrsittiche zu Gesicht bekamen, so scheint durch die zahlreichen Meldungen der lokalen Bevölkerung gesichert, daß sich in dem Untersuchungsgebiet ein Paar sowie ein Schwarm von 17 Gelbohrsittichen aufhält. Im Unterschied zu einer früheren Annahme stellte sich heraus, daß sich die Vögel die meiste Zeit des Jahres in diesem Gebiet aufhalten und nicht, wie ursprünglich angenommen, über große Distanzen umherziehen. Dies läßt die Hoffnung wachsen, daß die Erhaltungsmaßnahmen auch erfolgreich sein werden und diese Art vor der Ausrottung bewahrt werden kann.

Methode

Die Arbeiten wurden von Francisco Sornoza und Niels Krabbe, mit Unterstützung von mehr als 30 ansässigen Personen bei den Aufforstungsmaßnahmen, durchgeführt. V. Pazmino war speziell in die Betreuung der erworbenen Landflächen und die Organisation von Helfern vor Ort eingebunden. Aber die ganze Arbeit hätte ohne die freundliche Hilfe verschiedener Menschen, die immer wieder Übernachtungsmöglichkeiten, Essen und Hilfe anboten, nicht durchgeführt werden können. Auch A. Luna, ehemaliger Präsident von CECIA (Ornithologische Gesellschaft Ecuadors), soll erwähnt werden, da er beim Kauf des Landes sehr behilflich war. Nach diesem Kauf wurden Pflanzensamen gesammelt, angezüchtet und schließlich ausgepflanzt. Die Keimrate der Samen war allerdings sehr niedrig, so daß die lokale Bevölkerung damit beauftragt wurde, Setzlinge aus benachbarten Waldgebieten zu sammeln. Diese wurden dann noch einige Zeit in der Baumschule gepflegt, bevor sie ausgepflanzt wurden. Desweiteren wurden Nistkästen an Wachspalmen angebracht und die Suche nach den Vögeln auf angrenzende Täler sowie auf Gebiete im Norden und Süden ausgedehnt. Dabei wurde ein Waldstück ausfindig gemacht, in welchem die Gelbohrsittiche einen Monat verbracht haben sollen. Erste Verhandlungen zum Kauf auch dieses und eines weiteren Gebietes, wo die Vögel seit 2 Jahren regelmäßig gesehen worden sind, wurden geführt. In allen von uns besuchten Gebieten wurde die Bevölkerung intensiv über die Bedrohung des Gelbohrsittichs sowie über die notwendige Schutzmaßnahmen aufgeklärt. Unterstützend dazu wurde in allen Schulen ein speziell angefertigtes Poster des Gelbohrsittichs ausgehängt.

Das Untersuchungsgebiet

In allen untersuchten Gebieten wurden Biotopaufnahmen angefertigt. 66% der ursprünglichen Waldgebiete der Region wurden in den letzten Jahren neuen Rinderweiden geopfert. Der verbliebene Rest verschwindet weiter mit alarmierender Geschwindigkeit. Die Zahl der Wachspalmen in diesem Gebiet beträgt weniger als 1.000 Bäume. Einige von ihnen wurden inmitten von großen Weidegebieten vereinzelt stehengelassen. In dem südlich angrenzenden Tal, das gelegentlich von den Vögeln besucht wird, sind noch mehr als 50% des ursprünglichen Waldes vorhanden.

Resultat der Feldbeobachtungen und Diskussion

Aufgrund von Sichtmeldungen des Gelbohrsittichs in diesem Gebiet, die über das ganze Jahr hinweg verteilt sind, kann angenommen werden, daß die Vögel keine Wanderungen über längere Strecken unternehmen. Daß ein illegaler Papageienfänger von der ansässigen Bevölkerung aus dem Tal vertrieben wurde, zeigt, daß die Aufklärung der Bevölkerung, zusammen mit der Einbeziehung in die Aufforstungsaktionen, der richtige Weg ist. Das Auffinden der Nisthöhle ist vielversprechend, auch wenn erst noch mit eigenen Augen bestätigt werden muß, daß diese auch wirklich von Gelbohrsittichen benutzt wird. Die vielen Sichtmeldungen geben Anlaß zur Annahme, daß die Populationsgröße sich nicht nennenswert verringert hat und die Vögel sich auch noch dann in diesem Gebiet aufhalten werden, wenn die aufgeforsteten Wachspalmen zum ersten Mal Früchte tragen. Abgesehen vom Gelbohrsittich haben wir in der Region noch zwei weitere, sehr seltene Vogelarten ausfindig machen können: Die Riesenameisenpitta (Grallaria gigantea) und das Mondetour-Täubchen (Claravis mondetoura).

Zusammenfassung und Ausblick

Das "Cervantesia"- Waldgebiet, wo sich der Schwarm einen Monat lang aufgehalten hat und welches ebenfalls einen ordentlichen Bestand an Wachspalmen aufweist, sowie die beiden Gebiete im unteren Teil des Tales, welche regelmäßig seit Jahren von einem Paar Gelbohrsittichen genutzt werden, sollten sobald wie möglich käuflich erworben werden. Gleich darauf wird mit der Aufforstung dieser Gebiete begonnen werden müssen, ohne aber die isolierte Lage der Ruhebäume zu gefährden, da eben gerade diese zur Wahl als Rast- und Ruhestätte für die Sittiche beitragen könnte. Die systematische Suche nach den Sittichen wird auf die südlich angrenzenden Täler ausgedehnt, sobald es die Wetterbedingungen zulassen. Parallel wird in diesen Gebieten eine intensive Aufklärungskampagne für die Bevölkerung durchgeführt. Die potentielle Bruthöhle soll in regelmäßigen Abständen, zweimal monatlich für drei bis vier Tage, überwacht werden. Sobald das Gelbohrsittichpaar mit der Brut begonnen hat, sollte auch dieses Land erworben und die Nisthöhle rund um die Uhr beobachtet werden. Und schließlich wird die Information der Bevölkerung (Schulen, Jäger etc.) über das Schutzprojekt noch intensiviert.

Das Gelbohrsittich-Projekt 1998

Ergänzungen zum Bericht von Niels Krabbe, zusammengestellt von Marcellus Bürkle

Die erfolgreiche und sehr gewissenhafte Arbeit von Niels Krabbe zur Rettung des Gelbohrsittichs wird auch dieses Jahr von den drei Projektpartnern unterstützt. Neben den Schutzbemühungen in Ecuador wird das Projekt auf Kolumbien ausgedehnt, wo Ende 1997 von P. Salaman ein Schwarm von 24 Gelbohrsittichen entdeckt wurde. Mit der kleinen Population in Ecuador ist dies nach heutigem Wissensstand die gesamte Weltpopulation des Gelbohrsittichs, die sich somit auf max. 43 Vögel beläuft. Damit zählt der Gelbohrsittich zu den am stärksten von der Ausrottung bedrohten Papageienarten der Erde. Vor allem vor dem Hintergrund, daß keine Gefangenschaftspopulationen dieses Sittichs bekannt sind, muß die Gefahr der Ausrottung als noch höher angesehen werden als beispielsweise die des Spix-Ara. Dieser wird in Menschenobhut, mehr oder weniger regelmäßig, nachgezüchtet.

Die Maßnahmen zur Rettung des Gelbohrsittichs werden sich in den kommenden Jahren ausschließlich auf die verbliebene Freilandpopulation konzentrieren. Da die beiden Projekte in Ecuador und in Kolumbien die finanziellen Mittel des Fonds für bedrohte Papageien bei weitem überschreiten, ist es im Sinne des Projektes und der Mitarbeiter vor Ort, die Finanzierung auf eine breitere Basis zu stellen. Daher ist es sehr erfreulich, daß sich die Zeitschrift "Papageien" und vor allem die "Loro Parque Fundacion", die den Großteil der Projektkosten trägt, zusammen mit dem FONDS zu einer Kooperation entschlossen haben. Die Kosten für den ecuadorianischen Teil des Projektes sind 1998 mit insgesamt 70.100 US$ veranschlagt. Darin enthalten ist der Kauf von drei Gebieten mit einer Gesamtfläche von mehr als 150 ha. Zusätzlich wird der kolumbianische Projektteil mit einer Summe von 30.000 US$ kalkuliert. In Kolumbien wird sich die Arbeit zweier Biologen dieses Jahr auf folgende Ziele richten: Die Ende des Jahres 1997 entdeckte Population soll über einen Zeitraum von einem Jahr hinweg beobachtet werden. Dabei werden Daten über Verhaltens-, Nahrungs- und Brutbiologie gesammelt. Außerdem ist geplant, Jungvögel mit Radiosendern aus- zustatten, um die Lebensgewohnheiten und Aufenthaltsorte der Sittiche besser dokumentieren zu können. Dieses Projekt zur Rettung des Gelbohrsittich ist ein Beispiel für die Grundphilosophie unserer Gesellschaft: Neue Projekte gründen, anschieben und dann kompetente Partner einbeziehen. Nachdem Ende 1995 erste Meldungen von der Wiederentdeckung des Sittichs bekannt wurden, konnte der FONDS in einer Blitzaktion mit "nur" 1.000 US$ der Arbeit von Niels Krabbe den ersten entscheidenden Anschub geben.