Nestpatenschaft für Rotsteißkakadus auf Palawan

Das Nestpatenschaftsprojekt auf Palawan

von Michael Doll

Der nur auf den Philippinen heimische Rotsteißkakadu (Cacatua haematuropygia) zählt zu den am stärksten bedrohten Vogelarten. Die IUCN bezeichnet seinen Status als "critical", eine Einstufung, die er mit nur sieben weiteren Papageienarten teilt.

Noch vor fünfzig Jahren waren die Kakadus landesweit verbreitet. Man verfolgte sie wegen ihrer großen Zahl sogar als Schädlinge. Neben dieser direkten Verfolgung führten Lebensraumvernichtung und der Fang für den Vogelhandel seit Anfang der 80er Jahre zu einem rapiden Rückgang der Populationen. Mittlerweile ist die Art auf vielen Inseln völlig ausgerottet und insgesamt aus rund 98 % ihres ehemaligen Verbreitungsgebietes verschwunden. Optimistische Schätzungen Anfang der 90er Jahre gingen von einem Gesamtbestand von 1000 bis 4000 überlebenden Kakadus aus (Lambert 1994), der Großteil davon auf der verhältnismäßig waldreichen und dünn besiedelten Insel Palawan. Aber auch dort sind nahezu alle Nester bekannt und werden normalerweise Jahr für Jahr für den Tierhandel ausgenommen.

Inspiriert durch ein Treffen mit unserem Mitstreiter aus der CEPA (Conservation des Espèces et des Populations Animales), Marc Boussekey, damaliger Zuchtbuchkoordinator für den Rotsteißkakadu in der EAZA (European Association of Zoos and Aquaria), initiierte ich, im Rahmen der Zoologischen Gesellschaft für Arten- und Populationsschutz e. V. (ZGAP), mit meinem alten Freund Manuel Mahilum aus Culasian, im Südwesten Palawans ein lokales Schutzprojekt für die Kakadus und andere höhlenbrütende Vogelarten. Marc Boussekey selbst hatte wenige Jahre zuvor gemeinsam mit dem auf Palawan lebenden ZGAP-Mitglied Peter Widmann ein größeres Projekt initiiert, das ebenfalls von der ZGAP gefördert wird und in welches das hier vorgestellte Projekt integriert werden soll. Neben dem direkten Schutz zielt das Projekt von Boussekey/Widmann vor allem auch auf Öffentlichkeitsarbeit, u. a. durch regelmäßige Radiosendungen. Rückmeldungen aus zehn Regionen Palawans gaben Hinweise auf einen Mindestbestand von 300 Kakadus.

Das kleine Rasa Island stellte sich dabei als einer der am besten zu schützenden Plätze heraus. Sie liegt unweit des Städtchens Narra an der Ostküste Palawans. Sie dient mittlerweile 16 Paaren als Brutplatz, und über 89 Kakadus haben dort ihren Schlafplatz (Widmann, pers. Mitt. 1. 4. 2004). Die ehemaligen "Nesträuber" konnten als Projektmitarbeiter gewonnen werden und sorgen jetzt für den Schutz des Bestandes.

Auch Manuel Mahilum berichtete von einem dramatischen Rückgang der Kakadus in seinem Gebiet. Noch in den 70er Jahren bogen sich unter dem Gewicht der Schwärme förmlich die Palmen, auf denen sie sich niederließen. Ende der 80er Jahre aber waren sie völlig verschwunden, bis Mitte der 90er im Gebiet von Marumbok plötzlich wieder zwei Pärchen auftauchten, evtl. gar Jungvögel von Rasa. Ihre Nester wurden jedoch wie zuvor weiterhin jedes Jahr ausgenommen, wobei die Fänger in halsbrecherischer Weise auf gezielt zu diesem Zweck in die Baumstämme geschlagenen Nägeln zu den Bruthöhlen kletterten, die sich teilweise in über zwanzig Metern Höhe befinden.

Unser Ansatz war es nun, den Fängern durch Kompensationszahlungen schmackhaft zu machen, auf das Fangen der Jungvögel während der Projektdauer zu verzichten, um dadurch die Brutpopulation zu erhöhen. Sie sollten von uns den gleichen Geldbetrag erhalten, den sie sonst von den Aufkäufern bekommen würden. Anfangs eher skeptisch, überzeugte sie dann Manuels feste Zusage und die Aussicht auf eine Bestandszunahme der Kakadus, von der sie ja später vielleicht auch selbst profitieren könnten. Die Projektteilnehmer sind durchweg arme Kleinbauern, die auf die Einnahmen aus dem Vogelfang angewiesen sind. Sie betrachten sich als Eigentümer der von ihnen genutzten Nester.

Insgesamt nahmen bisher 48 Einheimische am Projekt teil, viele mit nur einem oder zwei Brutbäumen, andere mit bis zu 20. Die Bäume befinden sich in einem Umkreis von 7 km um Manuels Farm in Culasian und sind mit Nummern sowie den Initialen ihrer Eigentümer markiert.
Stark nachgefragt und entsprechend selten geworden, sind neben den Kakadus auch die Beos (Gracula religiosa palawanensis) die es auf den Philippinen in dieser endemischen Unterart nur auf Palawan gibt. Die noch etwas häufigeren Blaunackenpapageien (Tanygnathus lucionensis salvadorii), außer auf den Philippinen nur auf den kleinen, zu Indonesien gehörenden Talaud-Inseln heimisch, haben wie die Kakadus mittlerweile ihre letzte Hochburg auf Palawan. Für sie werden nicht so hohe Beträge erzielt, und entsprechend leicht fiel es uns, ihre Nester ebenfalls ins Schutzprojekt aufzunehmen.

Ab 2000 kamen dann für einen sehr geringen Betrag weitere höhlenbrütende Vogelarten hinzu. Der Palawan-Spatelschwanzpapagei (Prioniturus platenae) und der Palawan-Hornvogel (Anthracoceros marchei) spielen anscheinend für den Handel eine untergeordnete Rolle, was besonders den Spatelschwanzpapagei betrifft, dessen Jungvögel nur schwer am Leben zu erhalten sind. Den Hornvögeln wird jedoch stark nachgestellt, weil sie als Leckerbissen gelten, die zudem relativ einfach zu erbeuten sind, da die Weibchen und Jungvögel, wie bei Hornvögeln üblich, in den Bruthöhlen eingemauert sind.

Große Bedeutung für das Zimmern der Bruthöhlen haben die Spechte. Die zwei großen Arten, der Weißbauchspecht (Dryocopus javensis) mit der auf Palawan endemischen Unterart D. j. hargitti und der Puderspecht (Mulleripicus pulverulentus) sind dabei wohl besonders wichtig. Auf Palawan kommen noch zwei weitere, mittelgroße Arten vor, die ebenfalls mit endemischen Unterarten vertretenen Feuerrückenspechte (Dinopium javanense everetti) und die Sultansspechte (Chrysocolaptes lucidus erythrocephalus). Bisher noch nicht von Palawan bekannt, fand Manuel auch das Nest einer kleinen Spechtart, möglicherweise einer neuen Unterart des Scopolispechts (Picoides maculatus) bzw. des Suluspechts (Picoides ramsayi). Die Suche nach weiteren Spechtnestern soll künftig noch intensiviert werden.

Weitere Arten, für deren Nester Schutzprämien gezahlt werden, sind der Dollarvogel (Eurystomus orientalis), der übrigens als einzige Art einen 1994 probeweise und eigentlich für die Kakadus gedachten Nistkasten bezogen hatte, der endemische Palawan-Pagodenkauz (Strix seloputo wiepkeni) und fünf Lieste der Gattung Halcyon sowie ein Waldliest der Gattung Actenoides. Die Brutnachweise für den Braunliest (H. smyrnensis) und den Kappenliest (H. pileata) sind neu für Palawan. Ein dortiges Vorkommen des Braunliests war der Wissenschaft bislang völlig unbekannt, der Kappenliest bislang nur als Zugvogel nachgewiesen. Die Exemplare des Waldliestes sollen dem Tropfenliest (Actenoides lindsayi) gleichen, der bisher nur von Luzon, Panay und Negros nachgewiesen ist.

Von 1998 bis 2003 wurden insgesamt 166 Nester in 163 Bäumen berücksichtigt. Mit Ausnahme von fünf Bäumen handelt es sich um stattliche Exemplare mit einem Stammdurchmesser von 1,0 - 1,5 m in Brusthöhe. Der mit Abstand beliebteste Nistbaum, mit 136 Nestern in 133 Bäumen, ist der Manggis (Koompassia excelsa) der wegen seiner glatten Rinde nicht von Nesträubern wie Waranen oder Schlangen erklettert werden kann. Manggisbäume werden im Südwesten Palawans wegen ihrer Bevorzugung als Nistbäume besonders geschützt und zumindest von den Angehörigen des Pala’wan-Stammes bei der Urbarmachung von Land verschont. Sie können über 80 m Höhe erreichen und zählen damit zu den höchsten Laubbäumen der Erde. Die Rotsteißkakadus wählten für ihre Nester ausschließlich Bäume dieser Art. An zweiter Stelle in der Beliebtheitsstatistik folgt der als Holzlieferant äußerst geschätzte Apitong (Dipterocarpus grandiflorus) mit 19 Nisthöhlen. Diese werden bzw. wurden von 13 Blaunackenpapageipaaren genutzt, außerdem vom einzigen Hornvogelpaar, einem Beopaar, den zwei Dollarvogel- und den beiden Feuerrückenspechtpaaren. Drei Exemplare des Togop – alle mit einem Stammdurchmesser von "nur" 50 cm – bieten Bruthöhlen für je ein Pärchen des Weißbauch-, des Scopolispechtes und des Pagodenkauzes. Weitere fünf Baumarten mit insgesamt nur acht Bäumen dienen ausschließlich dem Blaunackenpapagei als Brutplatz. Durch 13 "Kollateralschäden" an zehn Manggis- und drei Apitongbäumen verloren unsere einzigen Hornvögel, ein Beopärchen und elf Blaunackenpapageipärchen ihre Nester: Die Bäume fielen Straßenbau, Feuer und der Axt zum Opfer.

Die Eisvögel, mit weiteren 44 in Baumtermitennestern anlegten Nestern, nutzen sieben andere, kleinere Baumarten. Mit 27 Nestern hat für sie der Bakkaw (Rhizophora spec.) herausragende Bedeutung. Nester der Storchschnabeleisvögel (Halcyon capensis gouldi) und der Waldlieste wurden im Projektgebiet nur an dieser Baumart gefunden.

Sehr erfreulich ist die Zunahme der Kakadubrutpaare von 2 auf 19 in nur sechs Jahren. Vermutlich beträgt die Gesamtpopulation, einschließlich der Jungvögel, im Projektgebiet mittlerweile über 110 Individuen. Schwerpunkt blieb Marumbok und Upper Marumbok, wo sich 15 Paare angesiedelt haben. Die anderen vier haben sich in Nasukdan niedergelassen.

Der Bestandsentwicklung nach zu urteilen scheinen die Paare jedes Jahr zu brüten, und die Jungvögel bereits ab dem dritten Lebensjahr selbst für Nachkommen zu sorgen. 1999 und 2000 müssen zunächst drei Paare zugewandert sein. Vier Jungvögel aus den Bruten des Jahres 1998 haben die Zahl der Brutpaare 2001 auf sieben erhöht. Sechs weitere Jungvögel aus dem Jahr 1999 führten dann 2002 zu insgesamt zehn Brutpaaren. Letztes Jahr verdoppelte sich nahezu die Zahl der Brutpaare auf 19. Bei einem durchschnittlichen Bruterfolg von zwei Jungvögeln pro Paar wären nur fünf weitere Nester zu erwarten gewesen. Möglicherweise liegt das an einer weiteren Zuwanderung oder an besonders erfolgreichen Bruten des Jahres 2000. Eine Brut der Kakadus kann nämlich bis zu vier Jungvögel produzieren.

Erwähnenswert wäre auch die starke Nesttreue all unserer Schützlinge. Zwar haben wir nicht untersucht, ob die Paare Jahr für Jahr die gleichen Nisthöhlen nutzen, doch kam es in den sechs Jahren lediglich zu 15 interspezifische Nistplatzübernahmen, an denen durchweg die Rotsteißkakadus beteiligt waren. In zwölf Fällen übernahmen sie die Bruthöhlen von Blaunackenpapageien und in zweien die von Beos. Ein Kakadupaar verlor ihre allerdings schon nach einem Jahr an ein Paar der Pagodenkäuze. Es scheinen sich mit der Zeit auch kleinere Kolonien zu bilden, wobei ein regelmäßiges Muster zu beobachten ist. Danach siedeln sich neue Kakadupaare in zwei- bzw. dreijährigen Abständen in unmittelbarer Nachbarschaft der alten Brutpaare an. Mit einiger Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei ihnen um die Nachkommenschaft der dortigen Pioniere.

Die Stagnation bei den Beos in den letzten fünf Jahren ist etwas überraschend. Möglicherweise ist sie mit einem Mangel an Nisthöhlen zu erklären. 1999 waren die "Eigentümer" von acht der uns damals bekannten elf Beonestern ausgeschlossen worden, Angehörige der Taut Batu, die an den Hängen des Mt. Mantalingahan siedeln. Sie waren nach der Heirat eine ihrer Frauen mit einem im Tierhandel aktiven Philippino nicht mehr vertrauenswürdig. Außer den Beonestern ging dem Projekt durch diesen Schritt auch die Kontrolle von 37 Nestern der Blaunackenpapageien verloren.

Unerfreulich ist die niedrige Zahl der gefundenen Spatelschwanzpapagei- und Hornvogelnester. Ein Faktor mag die geringere Beachtung dieser Arten durch Manuel sein, da er sie – weil von den Aufkäufern nicht oder nicht stark nachgefragt – als nicht bedroht ansieht. Die beiden Arten könnten allerdings tatsächlich auch wesentlich stärker als angenommen gefährdet sein und sollten deshalb künftig verstärkt berücksichtigt werden. Zumindest die Hornvögel sind mittlerweile vermutlich sehr selten geworden. Außerhalb der Brutzeit besucht zwar eine Gruppe von über zwanzig regelmäßig die Fruchtbäume auf Manuels Mahilums Land, aber das könnte durchaus auch der Gesamtbestand eines größeren Gebietes sein.

Das Nestpatenschaftsprojekt wurde in den ersten vier Jahren von der ZGAP finanziert*, 2002 und 2003 vom Fonds für bedrohte Papageien.


Summary

The ZGAP nest adoption project aims primarily at the stabilization of the critically endangered Red-vented Cockatoo (Cacatua haematuropygia) and other highly threatened tree-hole nesting bird species. The participants, poor farmers in the south-west of Palawan, who regard themselves as owners of the nests are reimbursed annually with amounts that are otherwise paid by wildlife traders for the nestlings.

Within six years the breeding population of the cockatoos increased from 2 to 19, the total number being around 110. An average of annually 70 nests of the Blue-naped Parrot (Tanygnathus luzionensis) and 10 of the Mynah (Gracula religiosa palawanensis) were protected, both species being highly asked for by pet trade. Other species include the Palawan Racket-tailed Parrots (Prioniturus platenae), Palawan Hornbills (Anthracoceros marchei), Palawan Spotted Woodowls (Strix seloputo wiepkeni), several woodpecker and kingfisher species, and the Dollarbirds (Eurystomus orientalis). One of the more important results is that all birds use the same nests for a long period, the most competitive species being the cockatoos. They occupied nests formerly used by Blue-naped Parrots and Mynahs, they themselves loosing only one to a pair of Spotted Owls. They selected only Manggis (Koompassia excelsa) as nest trees, the safest of all tree species because of their height and smooth bark, preventing terrestrial predators from reaching their nests. This project shows that even with a comparatively low amount of money, effective protection measures are possible, if the needs of local people are met with in a just way.

* Anmerkung der Redaktion: überwiegend aus Beträgen, die der Autor dieses Berichtes selbst zweckgebunden gespendet hatte

Literatur:

Lambert FR 1994. Status of the Philippine cockatoo Cacatua haematuropygia in Palawan and the Sulu Islands, Philippines. IUCN, Cambridge, U.K., 21

Widmann P, Lacerna ID & Diaz SH 2001. Aspects of biology and conservation of the Philippine cockatoo Cacatua haematuropygia on Rasa Island, Palawan, Philippines. Silliman Journal 42/2, 129-148